Ein Lied für den "Capitano"
Über den größten Konflikt im deutschen Nachkriegsfußball und die neue Sensibilität von Ballack, Frings und Co.
Es liegt zweifellos an dieser hochtechnisierten Welt der Sprachlosigkeit, dass ausgewachsene Männer, oder sagen wir mal Fußballer, plötzlich und reihenweise nach mehr fürsorglicher Aufmerksamkeit von ihrer wichtigsten Bezugsperson, dem Trainer, verlangen. Der Torsten fühlt sich ungerecht behandelt vom Jogi, der Michael sieht sich drangsaliert vom Olli, hält trotzdem zum Torsten, weil die zwei ja Kumpels sind, der Jogi empört sich darob beim Theo und der gleich mit. Van Bommel oder Poldi bei den Bayern, Diego in Bremen und nun auch wieder Pantelic in Berlin, überall wird das Gespräch gesucht, aber nicht gefunden. Überall bricht sich diese sensible Seite eines neuen Männertyps im Profi-Fußball Bahn und ist dabei doch so rührend unbeholfen.
Anstatt die Jungens ihr schwer verdientes Geld zum Therapeuten tragen und ein, zwei Stündchen wirklich alles rausheulen, was die geplagte Seele nicht bei sich behalten mag. Nein, naiv, wie sie auf der Ebene des Gefühls eben herumstolpern, tappen sie prompt in die Falle einer sensationsgeilen Öffentlichkeit, die sich darüber gar nicht genug das Maul zerreißen kann. Da löst so ein informatives Vakuum eine Kettenreaktion aus, an deren Ende möglicherweise internationale Karrieren in den Orkus gespült werden, nur weil – wie Uli Hoeneß meint – die Kombattanten sich nicht wie erwachsene Männer an einen Tisch setzen und die Dinge ausräumen.
Genau dieser Tisch aber ist für die heutige Generation Fußball ein Terrain, dass sie sich erst wieder erobern muss, und zwar mit gebotener Sanftheit. Denn für die Beschreibung dieses Gefühls der Nichtbeachtung, des mangelnden Respekts muss zuallererst das passende Vokabular gefunden werden. Da hilft es gleich gar nicht weiter, die neue Sensibilität als mimosenhaft zu beschimpfen, diese Revolutionäre gegen das alte Fußballer-Macho-System brauchen alle Unterstützung, die sie kriegen können.
Allesamt müssen wir wieder mehr miteinander reden, uns umeinander kümmern und vor allem: Respekt zeigen! Vielleicht auch einfach mal wieder ein Liedchen zusammen singen, so wie es die Nationalelf früher vor allen großen Turnieren gemacht hat. Oder Franz Beckenbauer, der mit seinem Mega-Hit „Gute Freunde kann niemand trennen“ so gar nicht mimosenhaft schon vor mehr als dreißig Jahren alle inneren Hemmschwellen niedergerissen hat.
Und wenn man schließlich nach einem zwei- oder dreimonatigen Gesprächskreis mit Rotationsprinzip im Beisein kompetenter Vertrauenspersonen alle emotionalen Verwerfungen aufgearbeitet hat, dann, ja dann darf Ballack vielleicht sogar der „Capitano“ bleiben. Aber wir wollen dem Ergebnis natürlich nicht vorgreifen…
L.
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