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Kolumne

Sport in Berlin / Sportanlagen in Berlin - Der alte Mann und der Ring

Der alte Mann und der Ring

Man ist so alt, wie man sich fühlt! Manchmal sieht man nur älter aus. Ein Plädoyer für einen rüstigen Seniorenbereich im professionellen Schwergewichtsboxen.

Zugegeben, mit 45 Jahren ist man nicht zwingend zu alt, um ein sportliches Hobby zu betreiben oder sich die Brötchen mit selbst getaner Arbeit zu verdienen. Im Rahmen der Hartz-Gesetze bemüht sich die Bundesregierung derzeit bekanntlich, sogar deutlich ältere Arbeitssuchende für den Markt wiederzuentdecken. Gleichzeitig werben der Deutsche Olympische Sportbund und Krankenkassen für das Ablegen des Sportabzeichens bis ins höchste Greisenalter. Da dürfte man Evander Holyfield gut und gern als Ikone solcher Tendenzen in Anspruch nehmen. Der Mann war viermal Schwergewichtsweltmeister im Boxen, hat sogar Mike Tyson mit seinem Ohr angefüttert und umgehauen, hat zweifellos auch schon ein paar Dollars auf die hohe Kante legen können und macht einfach immer weiter!

Offensichtlich inspiriert vom vierten Teil der Rocky-Saga, in der Stallone hinter den eisernen Vorhang fliegt, um dem sowjetischen Modellathleten „Ivan Drago“ und im Grunde doch der ganzen Sowjetunion nachhaltig die amerikanischen Demokratievorstellungen an Herz, Kopf und Nieren zu legen, ist auch Holyfield nach Moskau gegangen. Der Altmeister war zwar nur als Ersatzmann für den erkrankten Ruslan Tschagajew eingesprungen, wollte es aber allen Zweiflern noch einmal zeigen und mit dem Gewinn eines fünften Titels endgültig zur Legende werden. Eiserner Vorhang war aber nicht und gewonnen hat dann natürlich Ibragimow, wenn auch nur nach Punkten.
Und das ist das eigentliche Drama: die Erleichterung, dass der ehedem grandiose Boxer die zwölf Runden weitestgehend stehend bewältigt hat, dass er keine dauerhaften Schäden davontragen musste. Von russischer Seite hieß es anerkennend, man habe mit diesem Widerstand gar nicht gerechnet. Ibragimow gilt nebenbei als schwächster der vier aktuellen Schwergewichts-Champions.

Aus zeitgemäßen politischen Erwägungen heraus, dürfen wir nun natürlich keineswegs das Fazit ziehen, der Herr Holyfield sei zu alt für seinen speziellen Arbeitsmarkt, vielmehr gilt es, ihm nach seinem Entschluss, sich erneut hinten anzustellen und die nächste Titelchance zu ergreifen, ermutigend auf die Schulter zu klopfen. Nur weil die Gegner schneller, stärker und austrainierter sind, muss ja längst nicht klein beigegeben werden. Und wenn es irgendwann wirklich zu gefährlich ist - immerhin wurde er 2004 schon einmal quasi in Schutzsperre genommen - lässt sich doch allemal ein lukrativer „zweiter Arbeitsmarkt“ in Form einer Seniorenliga schaffen. Da können dann die Helden von einst so richtig die Sau rauslassen, Holyfield, Foreman, Holmes, Maske und wie sie alle heißen und RTL kauft die Übertragungsrechte. Und damit auch niemand zu kurz kommt oder gar am Hartz-IV-Hungertuch nagen muss, schafft RTL II einen „dritten Arbeitsmarkt“ und überträgt live, wie Axel Schulz das Sportabzeichen macht!

L.

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